Von der Vollkommenheit des Unvollkommenen

oder:
Warum guter Klang nicht perfekt sein darf

Haben Sie sich – wie ich – schon öfter gefragt, warum in dieser fortschrittsgläubigen Welt so viele scheinbar Ewiggestrige ihre Nischen so hartnäckig verteidigen? Vinyl boomt, obwohl Plattenspieler zweifelhafte technische Gerätschaften sind und spätestens seit HD-Audio jede technische Daseinsberechtigung verloren haben. Noch immer werden neue Röhrenverstärker entwickelt, deren Messwerte dem Eingeweihten die Haare zu Berge stehen lassen. Und selbst im digitalen Bereich finden DA-Wandler ihre Liebhaber, die mit Non-Oversampling-Wandlerchips aus den 80er-Jahren bestückt sind.

Lächerliche Esoterik, leerer Retro-Kult? So einfach ist es nicht. Ich selbst höre gern und oft digital – aber noch lieber höre ich analog. Neben dem ganzen ritualisierten Drumherum (ein ganz eigenes Thema (Link)) bleibt die Erkenntnis: Für mich klingt eine gute Platte angenehmer als eine gute Wiedergabe via Streamer und DAC. Das steht im krassen Widerspruch zu den objektiven Realitäten. Ein sehr schöner Beitrag in der Zeitschrift c`t aus dem Jahr 2001 (!) (Link) zum Beispiel legt klar und schlüssig dar, warum Analogtechnik im Vergleich keine Chance haben kann. Und (xxx) argumentiert, dass die gute alte Schallplatte nicht gut, sondern nur alt ist und selbst die Hifi-Norm 45500 aus den 1960ern nur mit reichlich zugedrückten Augen schafft.

Warum also höre ich dann so gern analog? Ich habe für mich eine – ganz unwissenschaftliche – Erklärung gefunden. Sie besteht aus drei Erkenntnissen, die direkt zusammenhängen.

Erstens: Vollkommenheit und Perfektion sind nicht dasselbe.

Wann ist eine Fotografie perfekt? Wenn das Motiv absolut scharf abgebildet und die Belichtung gelungen ist. Ist das Bild dadurch vollkommen? Nicht unbedingt. Es gibt viele berühmte Fotografien, die technische Mängel aufweisen. Wären Sie mit besserem Equipment wirklich auch sehenswerter. Wohl kaum. Der Unterschied ist – um beim Beispiel Fotografie zu bleiben – besonders gut an der Art zu sehen, wie sich der Fan verhält. Bei technisch perfekten Bilder lieben es „Pixel Peeper“, in maximaler Vergrößerung auf dem Bildschirm auf Detailjagd zu gehen. Ein vollkommenes Foto hängt an der Wand und erfreut durch seinen Ausdruck. Mit einer Lupe rückt ihm niemand zu Leibe.

Listening
Technisch perfekt? Sicher nicht. Ausdrucksstark? Absolut.

 

Zweitens: Harmonie lässt sich nicht technisch herstellen.

Haben Sie schon mal einem Symphonieorchester beim Einstimmen zugeschaut? Oder, noch besser: einem guten Klavierstimmer bei seiner Arbeit zugesehen? Eigentlich heute ein simpler Job, denkt man sich da erst. Digitale Messgeräte geben genau vor, in welcher Frequenz eine Saite zu schwingen hat, und genau auf die wird sie eingestellt. Zunächst. Denn ein „digital gestimmter“ Flügel klingt zwar „richtig“, aber nicht unbedingt harmonisch. Den letzten Schliff gibt der Klavierstimmer immer via Gehör, genau wie ein Geiger oder Gitarrist. Die eindeutige Erkenntnis

Drittens: In einer perfekten Umgebung fühlt sich der Mensch nicht wohl.

Kein Mensch ist makellos. Die Natur insgesamt ist nicht makellos. Und trotzdem fühlen wir uns unter Menschen und in der Natur im Idealfall maximal wohl. Der Mensch ist dafür „gebaut“, sich ständig seine wahrgenommene Wahrheit zu gestalten, indem er filtert, selektiert und fokussiert. Störungen und Makel sind kein unvermeidliches Übel, sondern immer auch Teil der Realität. Gibt es einen Konzertsaal ohne jegliche Nebengeräusche? Nein – und gäbe es ihn, würden wir ihn als unnatürlich empfinden.

So ist es auch bei der Musikwiedergabe. Einen gewissen Anteil von „naturähnlichen“, also chaotischen Störungen empfinden wir nicht als Makel, sondern als Teil der Natur. Das gilt zum Beispiel für das Rauschen, Rumpeln und Knacksen bei der Schallplattenwiedergabe. Es stört nicht wirklich, es lullt uns eher ein und macht die Reproduktion „menschlich“.

Das gilt, wohlgemerkt, nicht für systematische Störungen, etwa regelmäßige Knackser durch Kratzer in der Platte, für Brummen oder Pfeifen, für weißes Rauschen. Das gilt auch nicht für grobe objektive Fehler, etwa grob verbogene Frequenzgänge oder Gleichlaufstörungen. Aber so lang die grundsätzliche Qualität stimmt, wird ein Sound mit kleinen Fehlern immer angenehmer sein als einer, der so makellos ist, wie es die Natur selbst gar nicht sein kann.

Oder, wie es ein sehr guter Freund heute nach dem Probehören eines hochentwickelten Hornlautsprechers formuliert hat: „Der ist wahrscheinlich zu gut, um wirklich angenehm zu sein.“

Esoterik? Nein. Selbstbeschwichtigung? Vielleicht. Für mich aber auf jeden Fall eine gute Erklärung dafür (es gibt noch sehr viele andere), mit gutem Gewissen zugleich gestrig und modern sein zu dürfen.

Einverstanden? Auf Kommentare bin ich gespannt.

2 Kommentare zu „Von der Vollkommenheit des Unvollkommenen

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