Tinderisiert – oder: Vinnie Colaiuta, Ravel und ein Plädoyer für die letzte Minute

Früher war nicht alles besser, aber vieles komplizierter. Telefonieren zum Beispiel. Sich ein Taxi bestellen. Eine „Platte“ produzieren. Ein Musikstück anhören.

Nur: Während sich keiner Telefonzellen und Wählscheibenapparate zurück- oder Taxi-Apps wieder weg wünscht, bin ich mir bei der Musik nicht so ganz sicher.

Punkt 1: Musikproduktion. 50 Jahre lang, also so zwischen Beatles und Bruno Mars, wurde Musik in „Alben“ gedacht. Ein einzelner, hübscher Song war zwar ein Spatz in der Hand, aber der Hörer wollte die Taube auf dem Dach, also ein Sammlung von acht oder zehn Titeln. Heute verkaufen Apple und Amazon die Tracks einzeln, Spotify liefert die Songs als personalisierten Stream. Das hat unbestritten viele Vorteile. Aber der Qualität der Musik ist es nicht wirklich zuträglich. Hätten „Sergeant Pepper“ oder „Bitches Brew“ auch Musikgeschichte geschrieben, wenn die Tracks einzeln vertickt worden wären?

Punkt 2, überhaupt, Spotify: Gute Streamingdienste schicken den Hörer auf eine Entdeckungsreise und dabei idealerweise an Orte, auf die er selbst nie gekommen wäre. Das ist die gute Seite. Aber sie bringen auch eine Sprunghaftigkeit ins Musikhören, die der Musik nicht gerecht wird. Die Musik wird immer stärker „tinderisiert“. Ein Track, der aufs erste Reinhören gefällt, darf bleiben. Jeder andere wird „weggewischt“. Einen Song zu Ende hören? Das kommt immer seltener vor.

Schade eigentlich. Im Streaming-Zeitalter hätte sich ein Bolero von Ravel wohl ziemlich schwer getan. Aber auch bei Fusion – abseits von Miles nicht unbedingt die Wiege des Konzeptalbums – finden sich reichlich Beispiele für Tracks, die ihren Reiz erst beim Zuendehören entfalten. Das Soloalbum von Vinnie Colaiuta etwa, schräg und vielseitig wie der Drummer-Titan selbst, schließt mit einem fast kammermusikalischen Trio (na ja, wirklich nur fast, zu laut), das erst in seinen gesamten 3 Minuten 25 wirklich komplett ist. Oder Lee Ritenours Version von Stevie Wonders „Isn´t she lovely“, die erst in der letzten Minute wirklich abhebt.

Nichts gegen Spotify. Auswahl ist eine echte Chance. Aber die Geduld für die letzte Minute darf dabei nicht verloren gehen. Aus Respekt gegenüber der Musik. Und weil es sicht lohnt.

 

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